Was ist nun so schlimm daran, aus vielen verschiedenen Personen zu bestehen? |
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Ihr werdet Euch sicher fragen, warum wir da nun so ein großes Gewese draus machen, daß wir viele in einem Körper sind.
Mir ist einmal folgendes passiert: Ich kam plötzlich zu mir - alles was vorher passiert ist, weiß ich nicht - als ich irgendwo am Straßenrand stand. Ich hatte keine Ahnung, wo ich bin. Ich sah mich um, es mußte ein Autobahnparkplatz sein. Wie kam ich da hin, wo war ich überhaupt? Null Erinnerung. Gar nichts. Nur ein großes Loch in der Erinnerung. Was tun? Keine Tasche, keinen Rucksack, kein Schlüssel, kein Handy, nichts hatte ich bei mir. Wo bin ich, wie komme ich nach Hause? Ich steige nun auch nicht gerade gern bei fremden Leuten ins Auto ein... Ich stellte mich an die Autobahn, in der Hoffnung, daß ein Polizeifahrzeug vorbei kommt. Irgendwann hatte ich Glück, ich winkte, sie hielten an. Ich bat um Hilfe. Logisch, es folgte sofort die naheliegende Frage, was denn los wäre. Aber wenn ich nun die Wahrheit erzähle, nämlich daß ich nicht weiß, wo ich bin, und wie ich da hin gekommen bin, werde ich bestenfalls als verrückt eingestuft und stehen gelassen, schlimmstenfalls in die Psychiatrie eingewiesen. Da ist ein System dann auf seine Fähigkeit angewiesen, Ausreden zu erfinden, die möglichst nicht durchschaubar sind. Damals hatte ich ja noch keinen Schimmer, daß ich die Gastgeberin eines Systems bin, irgendwo her kam nur plötzlich ein Einfall: "Ich habe mit meinem Mann Streit gehabt, er ist an der Raststelle ohne mich weitergefahren, meine persönlichen Sachen sind alle im Auto geblieben..." So landete ich also schließlich in Chemnitz auf dem Polizeirevier. Meine Angaben wurden überprüft, ja, eine Person meines Namens gab es unter angegebenen Adresse, in der Schule wurde bestätigt, daß meine Angaben zu meinen Kindern richtig seien. Nun mußte ich nur noch von Chemnitz nach Hause zurückkommen. Ein Beamter dort borgte mir Geld, so daß ich mir eine Fahrkarte kaufen konnte. Eigentlich ein Risiko für ihn, denn ich hatte ja keine Ausweise, nichts, er hatte keine Gewähr, daß er das Geld jemals wieder zurück bekommt. Ich fuhr mit dem Zug nach Hause, ging in die Schule meiner Söhne, holte den Wohnungsschlüssel ("Ich brauche deinen Schlüssel, hab mich aus der Wohnung ausgesperrt..."). Zu Hause war tatsächlich alles da, Rucksack mit Ausweis, Portemonaie, Handy, Schlüssel, alles lag an seinem Platz. Was passiert ist, wer von uns warum vermutlich Richtung Chemnitz getrampt ist - ich habe es bis heute nicht herausbekommen. Dem freundlichen Beamten in Chemnitz habe ich das Geld zurückgeschickt mit einem kleinen Dankeschön. Für ihn werde ich immer die Frau sein, deren Mann sie nach einem Streit einfach an der Autobahn stehen ließ. Obwohl ich das selbst für eine Phantasieausrede halte, denn ich lebte damals schon lange von meinem Mann getrennt. Aber wie gesagt, was wirklich passiert ist, weiß ich nicht, wissen wir nicht. |