Die Teekanne




Eines Tages vor vielen vielen Jahren oder vielleicht auch vor gar nicht langer Zeit wurde in Hinterposemuckel eine kleine Teekanne geboren. Wie alle Teekannenbabies war sie noch klitzeklein, aber noch bevor sich richtig anfangen konnte, zu wachsen, ist ihr etwas ganz entsetzliches angetan worden. Sie wurde vom Tisch gestoßen, immer wieder, dann kamen noch Leute und traten auf sie drauf und andere Leute steckten in die klitzekleine Tülle ständig riesengroße Flaschenreiniger hinein. Das war mehr als die kleine Teekanne ertragen konnte. so ist im lauf der zeit die kleine Teekanne in ganz viele Scherben zerbrochen. Jedes Mal, wenn sie hinunter gestoßen wurde, zerbrach sie ein Stück mehr, bis sie nur noch aus lauter einzelnen Scherben bestand.

Nur der Deckel der kleinen Teekanne war nicht zerbrochen.
Weil die Scherben aber alle soweit weg lagen von ihm, hatte der Deckel keinen Kontakt zu ihnen und kam so im Lauf der Zeit zu der Meinung, dass er ganz allein auch eine - wenn auch etwas seltsame - Teekanne sei.

Ganz viele Jahre lang lagen der Deckel und die Scherben einfach so herum, jeder versuchte mal, etwas Tee aufzufangen, aber jeder für sich war eben viel zu klein, um das zu schaffen. So war es kein Wunder, daß viele der Scherben ganz traurig wurden, sich selbst als wertlos empfanden. Dem Deckel wurde von seinen Eltern immer eingeredet, er müsse sich nur zusammen reißen, sich nur richtig anstrengen, dann wäre er so wie jede andere Teekanne auch. Aber so sehr der Deckel sich auch anstrengte, nie war es gut genug, nie wurde er gelobt, immer gab es etwas auszusetzen.

Dann gab es einen Teil der Kanne, der sich ganz wichtig nahm, denn er war ja wer: "die Tülle". Diese Tülle spielte in den Nächten eine große, geheimnisvolle Rolle. Sie gehörte zu "den Auserwählten", zu denen, die etwas Besseres seien als alle anderen wurde ihr eingeredet. Natürlich glaubte sie das, erlebte sie doch immer wieder, daß sie selbst auch andere Teekannen bestrafen durfte, wenn diese nicht absolut gehorchten.
Eine andere große Scherbe, die Teil vom Boden war, hatte eine ganz scharfe Kante, die verletzte damit die anderen Scherben immer wieder. Der Henkel war schon fast in der Nähe von Größenwahn anzusiedeln, so überzeugt war er davon, dass er das allerwichtigste Teil sei. Deshalb jagte der Henkel auch andere Teekannen immer wieder fort, die mit der zerbrochenen Teekanne Kontakt haben wollten, weil er meinte, er allein brauche niemanden sonst, er wäre auf niemanden angewiesen.

Dann gab es viele klitzekleine Splitterchen, die dachten, sie wären überhaupt nichts wert, weil sie ja nur klitzekleine Splitterchen sind. Und der Deckel der Kanne, der wollte mit den Scherben immer noch nichts zu tun haben. Er dachte viele Jahre lang, er wäre eine minderwertige, mißgestaltete Teekanne, weil er so anders als die anderen Teekannen war.

Irgendwann hielt es der Deckel nicht mehr aus. Ständig passierten in seinem Leben so komische Dinge. Immerzu war es, als würde er Zeit einfach verlieren. Die anderen konfrontierten ihn mit Dingen, die er angeblich getan haben sollte, wo er doch ganz sicher wußte, daß er so etwas nie tun würde! Es blieb eigentlich nur eine Möglichkeit: er ist verrückt. Eines Tages nahm der Deckel also all seinen Mut zusammen und ging zum Kannenklempner. Der Deckel hatte Glück und traf auf Anhieb einen der wenigen Kannenklempner, die Spezialisten für zerbrochene Teekannen waren. Der Kannenklempner half dem Deckel, die einzelnen Scherben kennen zu lernen, aber das wollte der Deckel zunächst gar nicht, er wollte ganz allein eine richtige Teekanne sein.

Lange Zeit ging das so. Der Deckel bestand darauf, dass er die ältesten rechte habe, eine Teekanne zu sein. Und er ignorierte die Scherben, weil die nicht in sein Selbstbild passten "Ich war als erster da, die ganzen Scherben haben sich gefälligst zu verziehen, mit denen will ich nichts zu tun haben!"
Dann war er der Meinung, die anderen hätten auf ihn zu hören. Er war ja schon immer da, er müsse also alles kontrollieren können, was jede andere Scherbe tat. Damit waren die Scherben natürlich auch nicht einverstanden, es gab viel Zank und Streit untereinander.

Dann aber stellten einige Scherben für sich fest, dass sie sich ja richtig gut zusammenfinden können. Einige verstanden das ganz schnell, aber gerade die kleinen Splitterchen konnten das erst überhaupt nicht glauben, dass sie zu irgendetwas gut sein sollen, daß sie mehr als nur eine Zumutung für die anderen Teekannen sein könnten.
Und immer, wenn sich mehrere Scherben so zusammen fanden, dass sie passten, nahm der Kannenklempner seinen Leimtopf und gab ihn den Scherben, damit sie sich zusammenkleben können.
So entstanden aus den vielen einzelnen Scherben mit der Zeit größere Stücke. Und irgendwann war es so weit, dass die einzelnen zusammenklebenden Stücke sich zu einer großen Kanne zusammen setzen konnten. Da durfte aber dann nicht ein einziges winziges Splitterchen fehlen, sonst könnte die Teekanne nicht ihrer Aufgabe nachkommen, weil der Tee dort wieder heraus sickern würde!

Und da erst stellte der Deckel fest, dass er tatsächlich etwas ganz wichtiges ist, allerdings auf ganz andere Art, als er das immer gedacht hatte: nämlich der Deckel. Er stellte fest, dass die Teekanne ohne ihn und er ohne die Teekanne nur halb sind. Und er merkte, wie unvollständig er allein ist: denn ihm fehlen der Boden, die Seitenwände, der obere Rand, die Tülle und der Henkel. Nur mit allen - auch dem allerkleinsten Scherbchen - zusammen waren sie eine wunderschöne große Teekanne.
Und so tat der Deckel sich endlich mit den zusammengeflickten Scherben zusammen. er kletterte oben drauf und war nun immer als der Deckel der wunderschönen Teekanne für alle anderen Teekannen sichtbar.
Die immer so arrogante Tülle merkte, dass die Teekanne zwar wunderschön war, aber irgendwie schaffte sie es niemals, den Tee auszugießen, ohne daß es schrecklich kleckerte. Und so fand auch sie ihren Platz im Leben als der Teil, der dafür sorgt, daß nichts daneben tropft.

Und wenn sie nicht gestorben ist, so lebt die wunderschöne Teekanne heute noch mit ihrem stolzen Deckel oben drauf. Aus Hinterposemuckel allerdings sind sie längst weggezogen.


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